Evangelische Kirchengemeinde Hülscheid-Heedfeld
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Andacht

Predigt für den Festgottesdienst 300 Jahre Evangelische Kirche Heedfeld, 13.12.2020 Lk 1,67-79

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Liebe Gemeinde,
in diesem Jahr feiern wir das 300-jährige Bestehen Ihrer Kirche hier in Heedfeld–– gebaut aus einem unerbittlichen Streit zwischen Reformierten – mit der alten Dorfkirche in Hülscheid und Lutheranern– mit bis dahin keinem Ort. Für uns heute ist solch eine Auseinandersetzung in einem auch damals kleinen Dorf kaum mehr verständlich, doch damals waren es wirklich getrennte Konfessionen, die einander mit allergrößtem Argwohn beäugten.

Worüber predigt man an solch einem Tag? Was bietet sich an? Eine wunderschöne alte Kirche, Wahrzeichen des Dorfes, von weit her zu sehen. Ein faszinierender Ort des Glaubens, mit Leben gefüllt. Und all das in einer Gemeinde, in der jene alte Auseinandersetzung zwischen evangelischen Christinnen und Christen reformierter Prägung und solchen lutherischen Bekenntnisses schon lange überwunden ist.

„Wenn der Herr nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen.” (Ps. 127,1) – Wohl kaum ein Text eignet sich mehr für solch ein Kirchenjubiläum wie jenes alte Wort aus Psalm 127: Eine Kirche, ein Glaubensort – und inzwischen schon lange kein Konfliktort mehr, sondern Zentrum einer lebendigen Gemeinde. „Wenn der Herr nicht das Haus baut, wenn er, unser Gott, nicht seinen Segen schenkt, dann kann all das so nicht gelingen.

Für diesen Segen all die Jahrhunderte hindurch zu danken, um diesen Segen für die Zukunft auch weiterhin zu bitten, das ist wohl ein guter Gedanke für den heutigen Tag. So habe ich die Predigt vor meinem inneren Auge schon fertig gesehen – mit guten Gedanken an einem guten Ort.

Aber dann habe ich doch noch einmal neu überlegt: Das mag ja alles stimmen – nur: Wir haben eine Corona–Pandemie und alles ist anders. Auch Ihr ganzes Jubiläumsjahr. Keine Festveranstaltungen über das Jahr verteilt, sondern nur dieser Gottesdienst in kleinstem Rahmen, ohne die Präses unserer Westfälischen Landeskirche, Annette Kurschus, die ursprünglich kommen wollte, predigen wollte – in einer vollen Kirche voller Glanz und Leben. Stattdessen viel Abstand zwischen den wenigen Menschen hier im Kirchraum. Kein Festgesang, kein Dorffest. Weder Kuchen noch Glühwein im Anschluss.

Nur ein neuer Superintendent, der genauso verloren hier vorne wirkt wie Ihre Pfarrerin, die sonst von hier aus auf weitgehend leere Kirchenbänke blickt. – Dass Sie das nicht falsch verstehen: Ich bin gerne hier, freue mich, dass wenigstens wir hier zusammen diesen Gottesdienst feiern können, dass wir überhaupt Gottesdienst feiern können, wo doch sonst so vieles ausfallen muss, gerade auch Veranstaltungen, wo Menschen zusammenkommen und sich begegnen.

Nur – so mein Gedanke: Vielleicht ist doch eine ganz andere Predigt dran, ein ganz anderer Text als jenes alte Psalmwort. „Verzage nicht, du Häuflein klein”, kommt mir in diesen Zeiten eher in den Sinn. „Du, Israel, verzage nicht! Denn siehe, ich will dir helfen aus fernen Landen und deine Nachkommen aus dem Lande ihrer Gefangenschaft, dass Jakob zurückkommen soll und in Frieden sein und ohne Sorge, und niemand soll ihn schrecken.” (Jer 46,27)

Das kann ein passendes Leitwort sein für unseren Gottesdienst heute Nachmittag: So hat Jeremia einst die Menschen getröstet, die nach einem schrecklichen verlorenen Krieg weggeführt worden waren in das ferne Zweistromland. Die allen Glauben, alle Hoffnung verloren hatten. Die nun, nach langer Zeit der Verzweiflung erneut den Trost Gottes hören könnten. Und daraus Mut und Zuversicht schöpften und die Kraft, durchzuhalten, weiter zu hoffen, weiter zu glauben.

Das wäre wohl in der Tat ein Bibelwort, passend zu diesem Kirchenjubiläum in dieser Zeit, denn Mut und Zuversicht, Trost und Stärkung, das brauchen wir doch heute. Wir sind zwar nicht in ein fremdes Land deportiert, aber dass sich unter den Corona-Bedingungen so vieles fremd anfühlt, davon könnten wir wohl alle ein Lied singen.

Und so habe ich die Predigt für heute Nachmittag erneut vor mir gesehen, mit diesem Trostwort, und je länger ich nachgedacht habe, desto mehr ist mir noch eingefallen. Bloß – so richtig zufrieden war ich dann immer noch nicht. Das stimmt ja alles mit Corona und all den Einschränkungen, die uns das Leben schwer machen, auch wenn wir wissen: Wir tun all das, um Schlimmeres zu verhüten, um gerade auch die von dieser Krankheit besonders Gefährdeten und Angreifbaren zu schützen.

Zweifellos alles richtig, aber – wenn schon der gesamte Rahmen so von Corona geprägt ist, das ganze Jubiläumsjahr – dem noch mehr Raum zu geben, das gefiel mir dann doch nicht.

Und so habe ich noch einmal neu angesetzt, neu überlegt – und bin zu einer ganz einfachen, ganz schlichten Erkenntnis gekommen: 300 Jahre lang haben sich doch alle Predigerinnen und Prediger an dieser Stelle bemüht, das Wort Gottes weiterzusagen, passend zu den Menschen in der Gemeinde und passend auch zu der jeweiligen Zeit. Und das, das möchte ich auch heute tun – passend also zur Adventszeit und darum auch mit einem Adventstext. Mit dem Text, der als Predigttext für den heutigen dritten Adventssonntag vorgeschlagen ist, dem Lobgesang des Zacharias, so wie wir ihn vorhin auch schon in der Lesung gehört haben.

Der Evangelist Lukas hat diesen Text im ersten Kapitel seines Evangeliums festgehalten, diesen Lobpreis des Zacharias, Vater von Johannes dem Täufer: „Gelobt sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat besucht und erlöst sein Volk” So jubelt er: „Gelobt sei der Herr, der Gott Israels!”

Dabei war Zacharias ein alter Mann, als ihm diese Worte über die Lippen kamen. Zu alt, wie er selbst gemeint hatte – zu alt, um am Ende seines langen Lebens doch noch Vater zu werden. Und nun gar Vater des Vorläufers des Messias. Einfach zu alt – das ist sein Vorbehalt gegen die Verheißung Gottes, die an ihn ergangen ist.

Ihm, dem alten Priester am Jerusalemer Tempel, ist ein Engel erschienen und hat angekündigt: Zacharias, du und deine Frau Elisabeth, ihr werdet auf eure alten Tage einen Sohn bekommen. Das kann er nicht glauben. Sie sind einfach zu alt für Kinder. Da kann nichts Neues mehr kommen.

So resignieren die beiden. „Zu alt!” – Und das, das höre ich auch heute noch oft, von älteren Gemeindegliedern, aber längst nicht nur von ihnen. Diesen Gedanken: Ich bin zu alt. Und damit ist dann nicht nur die Frage nach eigenen Kindern gemeint, das umfasst viel mehr.

Ich bin zu alt, da kann sich nichts mehr ändern. Der Streit mit den Nachbarn ist schon zu alt, da wird sich nichts mehr ändern. Die Verwerfungen in der Familien sind zu alt, da wird nichts mehr draus. Oder: Ich bin zu alt, zu sehr vom Leben enttäuscht, um mich noch auf Weihnachten zu freuen, überhaupt auf irgendetwas zu freuen.

Und dieser Gedanke – zu alt, als dass da noch viel Gutes geschehen könnte – wie leicht schleicht sich solch resignatives Denken auch ein im Blick auf die Kirche: Vor 300 Jahren, da war hier Aufbruch, da war die Kirche noch der unbestrittene Mittelpunkt im Ort, aber heute? Da ist das doch ganz anders. So denken wir leicht.

Die Zahl der Gemeindeglieder geht zurück, die Zahl der Gottesdienstbesucher nimmt immer mehr ab. Und vor allem: Der Glaube scheint doch den Menschen immer ferner zu sein. Das ist wohl alles zu alt, als dass wir da noch etwas erwarten könnten.

Zu alt – Zacharias jedenfalls kann nicht glauben, dass Gott Zukunft schenken will und schenken kann. Und weil er der Verheißung Gottes nicht glauben kann, verstummt er. Bleibt stumm bis zu dem Tag, an dem die Geburt geschieht. Neun Monate lang war er sprachlos gewesen. Neun Monate hatte ihm sein Unglaube die Sprache verschlagen. Zacharias hatte kein Vertrauen in die verheißene Zukunft, konnte kein Lied davon singen. Deshalb musste er verstummen.

So wie ja auch wir verstummen, wenn wir kein Vertrauen haben, wenn unser Vertrauen stirbt. Dann strömen zwar vielleicht weiterhin schnell und beredt Wörter aus unserem Mund, aber eigentlich haben wir nichts zu sagen. Zumindest nichts, was das Leben voranbringt. Wo überhaupt kein Vertrauen mehr möglich ist, wo selbst Gott nicht mehr vertrauenswürdig erscheint, da beginnt eine letzte tiefe Sprachlosigkeit. Man kann sie zwar durch allerhand schnell daher geredete Wörter überdecken, doch solches Gerede macht nur doppelt deutlich, dass wir nichts mehr zu sagen haben.

Wirklich zu alt sind wir, wenn wir so nichts mehr zu sagen haben und eben deshalb keine Worte mehr finden und so zuletzt verstummen. Wenn wir kein Vertrauen mehr haben, in das Leben, in die Zukunft, in Gott. Dann sitzen wir – wie Zacharias sagt – in Finsternis und im Schatten des Todes.

Aber: „Gelobt sei der Herr, der Gott Israels!” Mit diesen Worten beginnt Zacharias wieder zu reden. Mit diesem Gotteslob endet sein tödliches Verstummen. „Gelobt sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat besucht und erlöst sein Volk”. Gott hat Zacharias und seiner Frau einen Sohn geschenkt, Johannes den Täufer, Wegbereiter Jesu Christi

Nicht zu alt, sondern immer noch und immer gut für einen neuen Anfang, den Gott eröffnet: Das ist das, was Zacharias erfahren hat und mit seinem Gotteslob bezeugt. Das ist die gute Botschaft des Advent: Wir nicht, diese Kirche nicht, unsere Erde nicht – nichts und niemand ist zu alt, als dass Gott nicht Neues beginnen könnte. „Gelobt sei der Herr, der Gott Israels!” Darauf dürfen wir vertrauen. Das können wir fröhlich weitersagen. Auch in diesen alten Mauern. Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als unsere Vernunft, bewahre so unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
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